Gesehen werden

Am Freitag Abend war ich bei Shut up and Speak auf der Bühne – wir haben einen vierhändig geschriebenen Text gelesen, der im Rahmen eines Workshops entstanden war. Tolles Publikum, klasse Show, berührend, lustig, wütend, laut und leise, lebendig einfach … Ich hätte gut und gern noch länger als drei Stunden zuhören können.

Ich war kein bisschen aufgeregt diesmal, ganz ruhig, davor, währenddessen und danach … Kein Vergleich mit meiner Nervosität auf der Heimfahrt – Massen unbekannter Jugendlicher in Partystimmung auf dem U-Bahn-Steig, und ich ganz allein, festgeklammert an mein Buch im Gedränge. Wieder das Gefühl, nackt zu sein, ausgeliefert. Versteckenwollen. Am liebsten wäre ich nach Hause gelaufen, wenn es nicht so spät und so weit gewesen wäre. Hab mich dann doch für „Augen zu und durch“ entschieden. Zu Hause kam ich mit einer heftigen Verspannung in der rechten Schulter an, inzwischen ist sie wieder kuriert.

Mittlerweile liegen mindestens vier „Wie-gehts-denn-so?“-Mails von lange nicht gesehenen Freunden in meinem Postfach, deren Beantwortung ich immer weiter vor mir herschiebe. Es ist gerade so viel leichter, mich vor 200 Unbekannten im Scheinwerferlicht zu zeigen, als Menschen, die mich ohne Bart kannten, zu erzählen, dass und wie ich mich verändert habe. Ich bin gespannt darauf zu beobachten, wie sich das in der nächsten Zeit entwickeln wird. Habe heute gerade wenig Lust, mich wieder so vielen Fragen zu stellen: was denn die Ärzte sagen und ob man da nichts machen kann und dass es ja tolle Laserbehandlungen gibt und und und. Alles lieb gemeint, ich weiß. Vielleicht hängt es damit zusammen, dass ich nicht weiß, wieviel von der ausgedrückten Sorge um mich in Wirklichkeit die eigene Unsicherheit tarnt.

Eine Antwort

  1. obwohl ich jetzt auch schon seit mehr als der Hälfte meines Lebens an meinem starken Haarwuchs leide (mache auch schon seit einigen Jahren Lasertherapie) kam ich bis jetzt noch nie auf die Idee andere Frauen die davon betroffen sind und deren Geschichten im Internet zu suchen.
    zufällig habe ich jetzt diese Seite gefunden…und ich wollte mich bedanken! auch wenn ich nicht weiß, ob ich jemals eine halbwegs positive Einstellung zu meinem starken Haarwuchs haben werde, half es mir schon sehr, von anderen Frauen zu lesen und einmal einen anderen Zugang zu diesem Thema zu erfahren und ja, es fasziniert mich sogar.
    mir wäre bis jetzt nie eingefallen, meinen Haarwuchs als „sozial tolerierbares“ Accessoire anzusehen, und diese neue Sicht auf Dinge hat mir schon sehr geholfen.
    nochmals danke!!
    lg

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