Auf der Seite des Deutschen Olympischen Sportbunds wurde gestern ein Artikel über „Intersexualität und Hochleistungssport“ eingestellt, den ich sehr lesenswert finde.
Es geht dort darum, dass Sport ein Spiegel der Gesellschaft ist und umgekehrt Auswirkungen auf die Gesellschaft hat, um verschiedene Gruppen, die sich zu Wettkämpfen zusammenfinden (Männer, Frauen, Kinder, Jugendliche, Veteranen, Behinderte, Religionen, Homosexuelle etc.), um Fairness und um Fragen, die mit der Beteiligung von Intersexuellen am Sport zu tun haben.
Neugierig gemacht hat mich die Aussage, dass seit längerer Zeit davon ausgegangen wird, „dass es zu einer Angleichung der Geschlechter kommt, was mit dem Begriff der Androgynität erfasst wird. Dieser Wandel zeigt sich uns im Habitus von Männern und Frauen, in deren Persönlichkeit und in den sie prägenden Handlungsmustern, die sich gemäß dieser Beobachtung immer mehr angleichen.“
Leider werden in dem Artikel keine Quellen für diese Feststellung angegeben. Klar lassen sich im Alltag viele Belege dafür finden … Frauen finden sich heute viel öfter in „Männerberufen“, Männerkleidung bei Frauen wird heute weitgehend als normal angesehen (ganz im Gegenteil zu Frauenkleidern an Männern), Männer nehmen Erziehungsurlaub und arbeiten in Kindergärten … Bestimmte Typen von Androgynität sind durchaus gern gesehen und werden als schön empfunden, zierliche Frauen mit geschorenen Haaren, weichen Gesichtszügen und Männerklamotten … Andere Phänomene lehnt ein Großteil der Menschen dafür umso heftiger ab.
Woran liegt das? An der Uneindeutigkeit allein ja wohl nicht? Warum sind Männer in Frauenkleidung schockierend, Frauen in Männerkleidung jedoch nicht? Warum sind Frauen mit Bart schockierend, Männer ohne Bart dagegen überhaupt nicht? Warum verunsichern uns Bänner [lustiger Verschreiber
] Männer mit Brüsten, Frauen mit flacher Brust scheinen vielen jedoch relativ normal?
Ein androgynes Wesen mit kurzen Haaren, glattem, gleichmäßigem Gesicht, klein, schlank und „neutraler“ Kleidung finden wohl die meisten angenehm anzuschauen. Sobald weiblich-männliche Gegensätze an einem Menschen zu stark sind, wittert irgendwas tief in uns Gefahr. Z.b. bei Brust und Bart gleichzeitig. Oder bei männlichem Körperbau plus Kleid. Oder bei weiblichem Aussehen und männlicher Stimme. Oder bei männlichem Aussehen und weiblicher Stimme. Wir haben Angst, wir fühlen uns peinlich berührt oder es wirkt überaus witzig.
Nochmal zurück zum Sport. Ganz besonders spannend war für mich vor einigen Tagen der Gedankengang eines Schreibers in einem Forum, der im Zusammenhang mit den Diskussionen um Caster Semenya auf die Forderung nach Fairness einging. Wenn Caster Semenya die Medaille aberkannt wird und sie nicht mehr zu Wettkämpfen zugelassen wird, weil sie aufgrund ihrer körperlichen Eigenschaften im Vorteil ist – müssten dann in Zukunft auch die kenianischen Läufer(innen) gesperrt werden, weil ihre Körper besonders gut zum Laufen geeignet sind? Oder sollte eine maximale Körpergröße für Basketballspieler zugelassen werden, um Fairness zu garantieren?
Abgelegt unter : Androgynität, Männlichkeit, Weiblichkeit, öffentliche Meinung

Gutes Argument mit den SportlerInnen aus Kenia und der Körpergröße. Da wird deutlich wie schwer es ist Menschen und ihre Leistungen miteinander zu vergleichen.