Insel

Den gestrigen Tag habe ich mit einer Gruppe von Kindern, Eltern und Lernbegleitern auf dem Sommergrundstück der Schule außerhalb der Stadt verbracht. Wir haben einen Schacht gegraben, gebadet, gespielt und dann noch ein wenig zusammengesessen. Es tat mir so gut, den ganzen Tag draußen zu sein, Luft, Sonne, körperliche Arbeit, Waldgerüche und -geräusche.

Ich habe mich wohlgefühlt mit mir und den anderen. Mein Bart war da, aber vollkommen nebensächlich, für mich jedenfalls. Keine Ahnung, ob sich jemand beeinträchtigt, schockiert, verunsichert fühlte. Für mich war das menschliche Klima total angenehm.

Heute morgen wurde ich gegen 5 Uhr wach, fühlte mich sehr aufgeregt und konnte nicht mehr einschlafen. In meinem Kopf ratterten Gedanken, die ich nur schwer zu fassen bekam. Fragen, viele Fragen. Was ist gesund, was ist krank? Was will ich? Wo will ich hin? Wo bin ich? Wer bin ich? Ist mein gesunder Normalzustand der mit Bart? Bin ich krank und will es nicht einsehen? Bin ich gesund und andere sehen mich als krank an, damit ihr gewohntes Weltbild wieder passt?

Als ich vorhin mit meinem Partner darüber sprach, hatte ich ein Bild vor Augen, das mir vielleicht weiterhilft: wenn ich auf einer Insel aufgewachsen wäre, wo keiner weiß, wie eine Frau normalerweise im Rest der Welt aussieht – würde ich mich, so wie ich jetzt bin, behandlungsbedürftig fühlen? Vermutlich hätte ich mich gewundert, als die ersten Haare wuchsen, genauso wie ich mich über die Schambehaarung oder das Brustwachstum gewundert hätte, genauso wie sich ein junger Mann vielleicht über den beginnenden Bart wundert. Und ich hätte dann entschieden, mich zu rasieren (wenn es dazu Werkzeug gibt) oder auch nicht. Es wäre mir sicher absurd vorgekommen, den Bart weg-heilen zu wollen.

Ich würde mich vermutlich damit beschäftigen, wie ich leckeres Essen heranschaffe und zubereite, wie ich möglichst wenig Unangenehmes tun brauche, wie ich möglichst viel Spaß habe, interessante Erfahrungen mache, mich entspanne. Ob ich nun braune oder grüne Augen, lockige oder glatte Haare, einen Bart oder keinen habe – das wäre mir wahrscheinlich sowas von egal …
Ich würde Heilung wollen, wenn mir der Bauch weh tut oder wenn die Kraft meiner Hände nachlässt, wenn ich grundlos trübsinnig wäre oder nicht mehr richtig sehen würde. Aber die Haare an meinem Kinn, die tun doch nicht weh und stören auch nicht.

(c) Rosel Eckstein / pixelio

(c) Rosel Eckstein / pixelio

4 Antworten

  1. hallo Loewin,
    willkommen im club der langobarden. kleine storie von meinem urahn barbarossa:
    als die römer in die langobardischen wälder einmarschierten hatte sie den ersten sieg kampflos gewonnen. denn kaum hatten die langobarden die glattrasierten römer erspäht ergaben sie sich kampflos, denn gegen frauen wollten sie nicht kämpfen. den schwindel merkten sie erst als sie die römer an die bäume pinkeln sahen. von den römern blieb dann auch nicht viel übrig ausser einem glattrasierten papst mit der rasierschüssel auf dem kopf. aber was noch schlimmer ist: die mode sich zu rasieren hatte sich dann doch irgendwie durchgesetzt bei den barbaren und bei den barbara’s auch.

    und ab einer bestimmten bartlänge werde ich sogar als mann schief angesehen und nach dem nächsten rasurtermin gefragt. und kinder fragen mich wie lange er noch wachsen soll.“bis zum knie“ sag ich dann immer. und mache mir gerade die zopfgummis meiner töchter in den bart (grüner glitzer) und flechte die schnurbartenden und umwickele sie mit dem draht alter gitarrensaiten. und finde mich schön. und nur das zählt.

    nur mut Loewin.
    lg A.

  2. Hey Artur, das würde ich gerne sehen!! Du siehst sicherlich lustig aus mit den Gitarrensaiten und dem grünen Glitter! Mutig!
    Lieben Gruß Marianna

  3. Super Artur!
    vielen DANK!
    Das Foto ist angekommen und Du siehst gut aus damit!! Sehr inspirierend…werde mir demnächst auch mal Glitter auf den Bart machen!!
    Lieben Gruß
    Marianna

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