Ich scheine gerade eine Grenze zu überschreiten. Heute riet mir jemand, den ich täglich sehe: „Du solltest dir das da mal abmachen“ und deutete auf mein Kinn. Jetzt hab ich’s also zu weit getrieben
. Ich werde bei Gelegenheit mal das Gespräch suchen und ein wenig näher nachfragen, dazu war vorhin keine Zeit.
Gestern war ich nahe dran am Rasieren. Wieviel Zeit ist seit dem letzten Mal vergangen? Vermutlich mehr als eine Woche? Was reitet mich da gerade?
Ich fühle mich momentan pudelwohl in meiner Haut. Wenn ich in den Spiegel schaue, guckt mich eine wunderbare Frau an, mit Lachfunken in den Augen und dem Schalk hinter den Ohren. Ich habe Lust, gewollt Reaktionen zu provozieren.
Als ich gestern Pinzette und Spiegel in der Hand hatte, war ich nicht ganz bei mir. Ich wollte Gefühle wegmachen, die mir gar nicht bewusst waren. Ein diffuser Impuls von „Bloß schnell alles verstecken, bevor es jemand merkt“. Ich hatte vor, mich kurz mit einer Bekannten zu treffen, die ich lange nicht mehr gesehen hatte. Wir haben nicht so sehr viel miteinander zu tun bisher. Sie ist eine durch und durch angenehme Frau. Ich habe von ihr nichts zu befürchten. Und trotzdem wollte ich mich nicht zeigen, wie ich jetzt bin.
In dem Moment, wo ich die Angst angeschaut habe, konnte ich das Zupfwerkzeug zur Seite legen und den Rasierer an seinem Platz stehenlassen.
Es war herrlicher Sonnenschein – jede Pore war zu sehen, erst recht dichter dunkler Pelz an einem Frauenkinn
. Es ist nichts passiert. Wir haben nicht allzulang geredet, über Kinder, Schule, Arbeit, Leben … Die Sonne auf der Haut fühlte sich wunderbar an, und teilweise konnte ich den Bart vollkommen vergessen.
Heute war ich wieder viel unterwegs, und es geschah dasselbe wie schon einmal vor kurzem – wenn ich erstaunte oder ungläubige Blicke bemerkte oder sah, wie zwei junge Damen tuschelten und immer wieder zu mir blickten, fing ich unwillkürlich an zu grinsen. Ein Lachreiz von ganz tief drinnen, Spaß an dem tollen Unterhaltungsprogramm, das ich gerade geboten bekomme.
Vielleicht lässt das Leben mir ja gerade deshalb einen Bart wachsen: damit es so richtig spaßig wird. Oder vielleicht hat sich meine Seele Folgendes ausgedacht, bevor sie auf die Erde kam: „Mal gucken, wie ich die stärksten Reaktionen auslösen kann und mich am meisten amüsieren. Aha – die Menschen bestehen immer noch auf absoluter Eindeutigkeit, auf strikte Aufteilung in männlich und weiblich. Das sieht ja wirklich wie ein sehr heißes Eisen aus. So ein Bart an einer Frau ist sehr wirkungsvoll und tut kein bisschen weh. Wie sich das wohl anfühlt? Hey, das probier ich am besten mal aus!“
Und dann verbringe ich Jahre damit herauszubekommen, wie ich diesen spitzenmäßigen Spaßfaktor am besten wegkuriere.
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Ich glaube nicht, dass Du den wirklich wegkurieren willst.
Freu mich, dass Du Deinen Weg gefunden hast.
Ganz liebe Grüsse..
und die dummen Gesichter kann ich mir vorstellen…