rasiert

Bis vor einigen Monaten habe ich mich täglich im Gesicht mit dem Epilierer traktiert. In der Hoffnung, dass dann weniger Haare wachsen, dass ich keine dunklen Schatten bekomme, ja und irgendwie spielte wohl auch das Vorurteil mit rein, dass Rasieren etwas zutiefst Männliches ist, was sich für Frauen nicht schickt. Ich dachte, ich wäre schon über die Phase hinaus, wo es mir wichtig war, nur zu tun, was gesellschaftlich angesagt ist, aber es gibt immer wieder neue Barrieren zu überwinden. Gut so.
Vor ein paar Tagen hab ich mir das Rasierzeug von meinem Liebsten geschnappt. Gesichtshaut befeuchtet, Rasierschaum drauf, dreimal mit dem Rasierer drüber, abwaschen, fertig. Ich war total überrascht, wie unkompliziert das ist.
Ich glaub, jetzt kann ich den Epilierer endgültig abgeben. Das tu ich mir nicht mehr an. Es tut tierisch weh, es dauert ewig lange, es gibt Entzündungen und eingewachsene Haare, ich krieg es nie wirklich sauber hin. Beim Rasieren kommen auch sehr schnell neue Stoppeln, aber die stören mich gerade sowas von überhaupt nicht mehr. Ein bisschen Übung brauche ich wohl auch noch.
Das Experiment von Marianna, den Bart wachsen zu lassen, fasziniert mich nach wie vor sehr, und möglicherweise schließe ich mich dem in ein paar Tagen oder Wochen wieder an. Ich finde das Zusammenspiel aus Männlichem und Weiblichem in ihrem Gesicht mittlerweile sehr angenehm. Auch immer noch irritierend, vielleicht weil ich so wenige Menschen kenne, die in ihrem Äußeren so bewusst zwischen beiden Polen liegen? Irgendwie versucht mein Gehirn immer noch, das einzuordnen und findet nicht so richtig einen Platz?

2 Antworten

  1. Ja genau das ist es! Schubladen auf und Mensch rein.
    Von Klein auf lernen wir Menschen wie wir uns einem Mann oder einer Frau gegenüber zu verhalten haben. Wenn nun das Gegenüber nicht mehr einordenbar ist….Hilfe…wie muss ich mich nun verhalten…..was tue ich…Verwirrung….die Reaktionen meines Gegenüber sind schwerer einschätzbar und ich gerate in Gefahr! Eine Situation die außerhalb meiner scheinbaren Kontrolle liegt! Somit reagiere ich als Mensch mit Angst, Ablehnung, Verwirrung…..usw.

  2. Ich arbeite seit 10 Jahren in der Haarentfernung und habe mich aufgrund eigener traumatischer Erlebnisse auf diesen Bereich spezialisiert. Es hört sich vielleicht aus meinem Munde blöd an, aber ich freue mich sehr darüber, das es noch Leute gibt die ausreichend Selbstbewußtsein besitzen, um auch mal gegen den Mainstream zu schwimmen. Ich erlebe mittlerweile täglich Leute die zur Haarentfernung kommen und eine langwierige Prozedur auf sich nehmen, nur weil sie sich schämen. Manchmal sind Jugendliche bei uns die sich nicht mehr in die Schule trauen, nur weil sie als südländischer Typ etwas Oberlippenflaum haben. Es ist nicht einfach, diese dann dahin zu bewegen, dass sie noch ein paar Jahre warten sollen. Ich bin zwar überzeugt, von dem was ich beruflich anbiete, aber ich finde es erschreckend, wenn Leute nur aufgrund gesellschaftlichen Drucks zu uns kommen, um sich lasern zu lassen. Also Hut ab vor denjenigen, die sich so annehmen, wie sie sind!

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