Heute hatte ich eine wunderbare Zeit im Wald außerhalb der Stadt. Uralte Buchen, Baumstämme mit knallgrünem Moos, weiches Gras, Käfer und Spinnen und Spechte, herrliche Luft, blauer Himmel, sonnendurchflutetes Laub, weich federnder Boden. Auf dem Rückweg las ich Julia Cameron und quasselte mit meiner kleinen Begleiterin M. Sie klemmte dann ihre Stoffmaus unter mein Kinn, das Gesicht in den Bart gekuschelt: „Die macht jetzt ihren Schönheitsschlaf.“

Auf dem Rückweg standen an einer Straßenkreuzung fünf oder sechs Jugendliche, so 14-16 Jahre schätzungsweise. M. wollte noch Süßigkeiten kaufen. Die Teenies starrten mich an, als wäre ich ein Gespenst. Ich sagte M., dass ich schon mal ganz langsam vorgehe, ich hatte keine Lust, dort stehenzubleiben. Hinter mir hörte ich Gesprächsfetzen: „Ein Bart? … Ja … Erst dachte ich, das wäre ein Mann, aber dann sah ich …“ Lautstarkes Lachen. Ich ging weiter, ganz langsam. Wollte mich umdrehen, um zu schauen, ob M. schon kommt. Nein, lieber doch nicht. Als ich dann glaubte, ich wäre weit genug entfernt, wagte ich es, nach hinten zu schauen. M. kam noch nicht. Dafür die Teenies, allesamt. Ich ging langsam weiter, spürte, wie sie näher kommen. „Was passiert jetzt? Wenn sie mich was fragen wollen, antworte ich. Wenn sie fotografieren? Lasse ich sie gewähren? Lehne ich ab? Was machen sie dann mit den Fotos? Welche Auswirkungen hat das auf mein Leben? …“

Dann waren sie schon auf meiner Höhe, gingen an mir vorbei, der erste grinste, schaute geradeaus, alle anderen taten unbeteiligt, dann entdeckte ich ein in meine Richtung hochgehaltenes oranges Handy. Aha. Das war also die Aktion. Nicht die geringste Verbindung zwischen mir und ihnen. Es interessiert nur mein für sie ungewohntes Aussehen. Ob sie neugierig sind und sich nur nicht trauen zu fragen? Oder ist ihnen einfach nur langweilig, und ich bin eine willkommene Abwechslung? Eine tolle Attraktion, um die Schulkameraden zu beeindrucken?
Ich spüre eine Blockade. Wenn diese Blockade weg ist, könnte ich mit diesen Menschen gut zusammen sein, arbeiten, spielen, reden, Quatsch machen, nichts machen. Sie sehen clever aus und sensibel, nett, helfen ganz bestimmt, wenn sie jemanden in Nöten sehen.
M. hat ihren Einkauf erledigt und holt mich wieder ein, erzählt mir, was sie noch für tolle Süßigkeiten gesehen hat, die sie gern ein anderes Mal kaufen will.
Die jungen Leute sind noch ein Stück vor uns, haben sich in einer Traube um ein Handy versammelt, schauen und kichern. Ich könnte jetzt einfach so vorbeigehen. So wie ich es immer getan habe. Reden lassen, keine Verbindung aufnehmen. Ich ärgere mich, weil ich gerade nicht wirklich kreativ bin. Dann kommt mir ein blödes „Ihr seid wohl zu feige zum Fragen“ über die Lippen. Vollkommen ungeeignet, um Verbindung herzustellen. Nee, ich bin jetzt nicht sauer auf mich
. Ich hab’s probiert, ich bin froh, dass ich was anderes gemacht habe als sonst. Der junge Mann mit dem orangen Handy sagt: „Hä? Was denn?“ „Du hast fotografiert oder gefilmt, hast du das nicht gemerkt? Ich aber …“ Hier brach ich die Konversation ab, weil ich merkte, dass das gar nichts brachte …
Nein, das ist scheiße gelaufen. Ich war nicht gut drauf in dem Moment, ich bin in die „schimpfende-Mama-Rolle“ gerutscht, und der junge Mann in die „Ich-wars-aber-nicht-Rolle“.
Ich bin gegangen, hörte noch, wie er für seine Kumpelz den „Dialog“ mit mir nochmal wiederholte. Beim Weggehen ging mir durch den Kopf, was ich tun will, wenn die Fotos/das Video jetzt ohne meine Einwilligung verbreitet werden. Ich bin kein Fan von Kontrolle und Erlaubnis oder Verweigerung derselben, ich laufe auf der Straße rum und jeder kann mich sehen, jeder der mich gesehen hat, kann über mich reden, freundlich oder nicht – das ist dann nicht mehr meine Angelegenheit. Und wenn Bilder von mir zu Leuten gelangen sollten, denen ich mich momentan nicht zeigen will, entstehen vielleicht neue Wirklichkeiten, die noch viel freundlicher zu mir sind als die jetzigen.
Was könnte ich in der nächsten ähnlichen Situation anders machen? So ein doofer Satz kommt mir sicher nicht mehr über die Lippen
.
Mal schauen … Ich könnte in die Kamera winken, sobald ich sie bemerke. Ich könnte fragen, ob ich das Bild mal sehen kann. Hm, ich könnte beim nächsten Mal auch stehenbleiben statt wegzulaufen. Mir kann ja nicht wirklich was passieren, wenn ich das Fotografieren und Gefragtwerden in Kauf nehme …
Hat noch jemand Ideen?